Über das Schlafen, Wachen und Träumen | Ein Gehirn auf hoher See #6

14 Tage auf der MS Hamburg Richtung Buenos Aires - 12 Vorträge - komm mit an Bord!


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Schläfst du noch oder träumst du schon?

Auf einem Traumschiff wird, wie der Name schon andeutet, viel und intensiv geträumt. Außer es gibt starken Wellengang. Oder man hat das Pech, direkt in Nähe des Disco-Pooldecks eine Kabine gebucht zu haben.

Ich schlafe und träume auf der

MS Hamburg immer wundervoll. Diesmal hat meine Kabine ein bezauberndes Rundfenster mit Blick aufs Meer. (Wohin auch sonst, wird sich der aufmerksame Leser fragen.) So kann ich von meinem Bett aus den erregend stürmisch, aber auch beruhigend sanft sich bewegenden Pazifischen Ozean beobachten. Tag und Nacht. Da sich meine Kabine auf dem zweiten Deck befindet, treffe ich Neptun und sein Gefolge direkt auf Augenhöhe. Unabhängig, wie aufgewühlt oder ruhig das Meer ist, die ewige Veränderung der Wellenformationen, Strömungen, Linien, Farben und Strukturen beruhigt meine Sinne. Der Ozean, von einem sicheren und trockenen Ort aus wahrgenommen und erlebt, legt sich wie ein fein gewobenes, vom Gevatter Wind mit Liebe bewegtes Tuch, um meine Seele. In den richtigen Momenten des „mit mir Seins“ kann ich so das


Meer in all seinen Düften riechen und auf meiner Haut spüren. Durch das große, runde Bullauge in meiner Kabine entgeht mir keine einzige Bewegung der Wasserlinien. Ich schwimme gedanklich durch die weiten des Meeres, weit, weit weg von all den Dingen um mich herum. Ich fühle mich leicht, dynamisch, wohl umschmeichelt und aufgehoben.


In diesen Momenten des Übergangs vom Wach- in den Schlafzustand stelle ich mir zu Hause immer etwas Wunderbares, Schönes und Angenehmes vor. Eine Situation, ein Ereignis oder einen Moment während des Tages, welcher sich für mein mesokortikal-limbisches System lohnt, intensiv erinnert zu werden. Dazu erwecke ich all meine Sinne. In der Hoffnung, dass sich meine Träume genau daran ausrichten und die von mir innerlich erzeugte Erzählung spielerisch, farbenträchtig, bewegend und emotional positiv stimulierend weiter weben. Dieses Vorgehen ist äußerst erfolgreich, zumindest hatte ich in den letzten 10 Jahren höchstens 2 bis 3 Alpträume.


Auf dem Atlantischen Ozean, von Teneriffa nach Buenos Aires, den Äquator überquerend, flüstere ich meinem Träumer in mir Worte und Sätze zu, die meine Sehnsucht nach unendlicher Bewegungsfreiheit, grenzenlosem Erkenntnisgewinn und allumfassender Menschenliebe zum Ausdruck bringen. Mit der Zeit entsteht in mir so eine Art Übergangszustand vom Wachsein zum „Dahindösen“. Mein Gehirn triftet von einem bewussten Zustand in ein eher unwillkürliches Erleben. Es geht mit mir auf Wanderschaft durch all seine offenen und versteckten Schubladen, Räumlichkeiten, zeigt mir seine unaufgeräumten Ecken und ungeschliffenen Kanten. Dieser aktive Prozess des unbewussten sich selbst Beobachtens, Erfahrens und Lernens bezeichne ich gern als Tagträumerei. Immer, wenn wir es schaffen, das eigene Erleben von willkürlicher Kontrolle zu mehr unwillkürlicher Selbststeuerung des Organismus überzuleiten, werden wir mehr über uns selbst, unsere wahren innerlichen Wünsche und Bedürfnisse, körperlich-seelischen Zustände und tiefergehenden Empfindungen, Gefühle und Stimmungslagen erfahren. Wenn wir unser Gehirn frei jeglicher Erlebensbewertung auf Wanderschaft schicken, dann erzielt es für sich eine Kreativitäts- und Innovationskraft, die unter dem Zustand einer willentlichen Kontrolle und Aufwand-Nutzen-Abschätzung nicht möglich ist. Kurzgefasst: Wenn wir „Tagträumen“, dann erzählt uns unser Gehirn die Wahrheit über sich selbst und gibt uns seine geheimsten Inhalte und Verbindungen preis! Und das höchst kreativ, innovativ und intuitiv-inspirierend.


Traumdeutung, Scharlatanerie oder Wissenschaft?

Die professionelle Betrachtung der bewusst-willkürlich-unwillkürlich zu erinnernden Trauminhalte und -muster ermöglicht es, ein Verständnis der im Kopf etablierten Wertesysteme, Denk- und Bewertungsmuster, Glaubenssysteme und Gefühlszustände etc. zu erlangen. Nichts anderes versucht auch jegliche Form der Hypnotherapie und Trancearbeit. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort „professionell“. Alles andere ist aus meiner Sicht eher ein unterhaltsamer Anmachtrick in der Form: „Erzähl‘ mir deine Träume und ich deute dir daraus, wie es mit uns heute Abend weiter geht.“. Oder eine schöne Idee, sich während einer 12-tägigen Kreuzfahrt auf dem Meer, ohne Landgang, untereinander spielerisch näher zu kommen und über die eigenen inneren Freuden, Bedürfnisse, Hoffnungen, aber auch Ängste, Befürchtungen und Verunsicherungen träumerisch auszutauschen.


Das von mir für die Zeit auf der MS Hamburg entwickelte Traumdeuter-Spiel funktioniert wie folgt: In Gruppen von jeweils 6 Spielern wird als erstes so lange mit jewe