• Sven Sebastian

Über das Schlafen, Wachen und Träumen | Ein Gehirn auf hoher See #6

Aktualisiert: 13. Mai

14 Tage auf der MS Hamburg Richtung Buenos Aires - 12 Vorträge - komm mit an Bord!


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Schläfst du noch oder träumst du schon?

Auf einem Traumschiff wird, wie der Name schon andeutet, viel und intensiv geträumt. Außer es gibt starken Wellengang. Oder man hat das Pech, direkt in Nähe des Disco-Pooldecks eine Kabine gebucht zu haben.

Ich schlafe und träume auf der

MS Hamburg immer wundervoll. Diesmal hat meine Kabine ein bezauberndes Rundfenster mit Blick aufs Meer. (Wohin auch sonst, wird sich der aufmerksame Leser fragen.) So kann ich von meinem Bett aus den erregend stürmisch, aber auch beruhigend sanft sich bewegenden Pazifischen Ozean beobachten. Tag und Nacht. Da sich meine Kabine auf dem zweiten Deck befindet, treffe ich Neptun und sein Gefolge direkt auf Augenhöhe. Unabhängig, wie aufgewühlt oder ruhig das Meer ist, die ewige Veränderung der Wellenformationen, Strömungen, Linien, Farben und Strukturen beruhigt meine Sinne. Der Ozean, von einem sicheren und trockenen Ort aus wahrgenommen und erlebt, legt sich wie ein fein gewobenes, vom Gevatter Wind mit Liebe bewegtes Tuch, um meine Seele. In den richtigen Momenten des „mit mir Seins“ kann ich so das


Meer in all seinen Düften riechen und auf meiner Haut spüren. Durch das große, runde Bullauge in meiner Kabine entgeht mir keine einzige Bewegung der Wasserlinien. Ich schwimme gedanklich durch die weiten des Meeres, weit, weit weg von all den Dingen um mich herum. Ich fühle mich leicht, dynamisch, wohl umschmeichelt und aufgehoben.


In diesen Momenten des Übergangs vom Wach- in den Schlafzustand stelle ich mir zu Hause immer etwas Wunderbares, Schönes und Angenehmes vor. Eine Situation, ein Ereignis oder einen Moment während des Tages, welcher sich für mein mesokortikal-limbisches System lohnt, intensiv erinnert zu werden. Dazu erwecke ich all meine Sinne. In der Hoffnung, dass sich meine Träume genau daran ausrichten und die von mir innerlich erzeugte Erzählung spielerisch, farbenträchtig, bewegend und emotional positiv stimulierend weiter weben. Dieses Vorgehen ist äußerst erfolgreich, zumindest hatte ich in den letzten 10 Jahren höchstens 2 bis 3 Alpträume.


Auf dem Atlantischen Ozean, von Teneriffa nach Buenos Aires, den Äquator überquerend, flüstere ich meinem Träumer in mir Worte und Sätze zu, die meine Sehnsucht nach unendlicher Bewegungsfreiheit, grenzenlosem Erkenntnisgewinn und allumfassender Menschenliebe zum Ausdruck bringen. Mit der Zeit entsteht in mir so eine Art Übergangszustand vom Wachsein zum „Dahindösen“. Mein Gehirn triftet von einem bewussten Zustand in ein eher unwillkürliches Erleben. Es geht mit mir auf Wanderschaft durch all seine offenen und versteckten Schubladen, Räumlichkeiten, zeigt mir seine unaufgeräumten Ecken und ungeschliffenen Kanten. Dieser aktive Prozess des unbewussten sich selbst Beobachtens, Erfahrens und Lernens bezeichne ich gern als Tagträumerei. Immer, wenn wir es schaffen, das eigene Erleben von willkürlicher Kontrolle zu mehr unwillkürlicher Selbststeuerung des Organismus überzuleiten, werden wir mehr über uns selbst, unsere wahren innerlichen Wünsche und Bedürfnisse, körperlich-seelischen Zustände und tiefergehenden Empfindungen, Gefühle und Stimmungslagen erfahren. Wenn wir unser Gehirn frei jeglicher Erlebensbewertung auf Wanderschaft schicken, dann erzielt es für sich eine Kreativitäts- und Innovationskraft, die unter dem Zustand einer willentlichen Kontrolle und Aufwand-Nutzen-Abschätzung nicht möglich ist. Kurzgefasst: Wenn wir „Tagträumen“, dann erzählt uns unser Gehirn die Wahrheit über sich selbst und gibt uns seine geheimsten Inhalte und Verbindungen preis! Und das höchst kreativ, innovativ und intuitiv-inspirierend.


Traumdeutung, Scharlatanerie oder Wissenschaft?

Die professionelle Betrachtung der bewusst-willkürlich-unwillkürlich zu erinnernden Trauminhalte und -muster ermöglicht es, ein Verständnis der im Kopf etablierten Wertesysteme, Denk- und Bewertungsmuster, Glaubenssysteme und Gefühlszustände etc. zu erlangen. Nichts anderes versucht auch jegliche Form der Hypnotherapie und Trancearbeit. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort „professionell“. Alles andere ist aus meiner Sicht eher ein unterhaltsamer Anmachtrick in der Form: „Erzähl‘ mir deine Träume und ich deute dir daraus, wie es mit uns heute Abend weiter geht.“. Oder eine schöne Idee, sich während einer 12-tägigen Kreuzfahrt auf dem Meer, ohne Landgang, untereinander spielerisch näher zu kommen und über die eigenen inneren Freuden, Bedürfnisse, Hoffnungen, aber auch Ängste, Befürchtungen und Verunsicherungen träumerisch auszutauschen.


Das von mir für die Zeit auf der MS Hamburg entwickelte Traumdeuter-Spiel funktioniert wie folgt: In Gruppen von jeweils 6 Spielern wird als erstes so lange mit jeweils 3 Würfeln gewürfelt, bis einer der Spieler drei Gleiche hat. Der so ermittelte Gewinner darf allen anderen seinen letzten Traum erzählen. Dieser wird dann durch die anderen 5 Mitspieler ausführlich gedeutet, wobei der Gewinner erst einmal nur zuhört und sich alle aufkommenden Ideen ohne weitere Bewertung stichpunktartig notiert. Wenn alle Spieler ihre Traumdeutung abgeschlossen haben, fasst der Traumgedeutete für sich selbst alles in einen kurzen Bericht zusammen und liest diesen den anderen Mitspielern vor. Dieses Spiel ist vergleichbar mit Bleigießen zu Silvester, nur dass man dort aus der Form des abgekühlten Bleis versucht, etwas Brauchbares für die eigene Zukunft herauszulesen. Im Traumdeuter-Spiel können durchaus wissenschaftlich fundierte, vorgegebene Deutungen von im Traum erlebten Situationen oder aufgetretenen Symboliken genutzt werden.

Eine pseudo-wissenschaftliche Traumdeutung, gepaart mit einer gewissen Portion an sicher gut gemeinter Küchentisch-Psychologie und gefährlichem Halbwissen, kann aber auch in ein psycho-emotionales Desaster führen, wenn es zum Beispiel um die „katastrophisierende“ Deutung von Alpträumen geht, die in der Folge wiederum zu neuen Alpträumen führt.


Träumen, eine wundersame Reise zu unserem Selbst

Wir wollen uns absichern, beruhigen, daher suchen wir nach Erklärungen und Zusammenhängen. Ursächliche Kausalität der Ereignisse gibt es nur in den seltensten Fällen, wenn überhaupt nur dann, wenn wir für unsere Erklärungsmodelle zuvor definierte Axiome und Gesetze verwenden.


Mein Tipp: Versuche nicht, deine Träume zu deuten, geschweige zu verstehen. Nimm es einfach als wunderbare Kreativität deines Gehirnes wahr! Frage dich vor allem: Was machen die Träume mit dir in deinem Alltag? Wie beeinflussen diese dein Verhalten, deine Entscheidungsfindung, deine Gedanken und Emotionen.


Auf meine Frage an das mit Spannung zuhörende Publikum, ob es denn gern träumt, meinte eine Frau spontan: „Ja, warum nicht? Solange mein Mann nicht vorkommt.“ In diesem Sinne wünsche ich uns allen wunderbare Träume! Seien es wilde, bunte, erfreuliche, kreative, aufregende, oder auch verwirrende, irrationale, fürchterliche, Angst machende.


Wundere dich nicht, wenn du mit zunehmendem Altem mehr träumen solltest als gewohnt. Insbesondere wenn du dein Leben lang gedanklich sehr pragmatisch, bodenständig, vernünftig, logisch, rational unterwegs warst. Dein Gehirn genießt einfach die Freiheitsgrade deines Rentendaseins, so unter anderem keine großen Verpflichtungen, Termine und Fristen folgen zu müssen, und taucht mit Freude ab in die Tiefen und Weiten der neuronalen Netzwerkstrukturen, unbesorgt, ungezügelt und unkontrolliert. Wenn du schläfst, dann räumt dein Gehirn auf und „reinigt“ sich. Wenn du träumst, dann geht es mit dir auf Wanderschaft. Wild, zügellos, ohne Grenzen. Welche Qualität dieser Rundumblick des Gehirns am Ende annimmt, ob dieser also traumhaft schön und aufmunternd ist, oder eher erschreckend und ermüdend, das hängt unter anderem von der Persönlichkeitsstruktur der träumenden Person, deren biografisches Erfahrungswissen, Erinnerungsfähigkeit, Lebensumstände und inneren Bewertungskriterien ab. Kurzum: Ein Mensch, der eher pessimistisch durch die Welt geht, sich vor allem auf das noch zu lösende, unklare und problematische Ding fokussiert, der wird seltener positiv-beschwingende Träume haben als jemand, der es gelernt hat, mit einem gewissen Grad an Optimismus, Humor und Gelassenheit durch den Alltag zu gehen.

Träume brauchen keinen Stress, keine Logik, Daten, Zahlen oder Fakten. Auch keine Vernunft, keine Werte und Normen. Sondern vielmehr den freien Lauf deiner Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Emotionen.


Seit Freuds Publikation „Die Traumdeutung“ werden Träume in der Psychotherapie verwendet. Naturgemäß haben sich die meisten Traumdeutungstheorien innerhalb des Feldes der psychoanalytischen Therapien entwickelt, aber auch in anderen therapeutischen Schulen werden Träume verwende. So liegen faszinierende Ergebnisse der empirischen Traumforschung vor, die sich seit der Entdeckung des REM- Schlafes in den fünfziger Jahren entwickelt hat. Zudem gibt es im Kontext verschiedener therapeutischer Schulen mittlerweile eine umfassende klinische Traumforschung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass heute überzeugend nachgewiesen ist, dass Träume Bedeutung haben und im Zusammenhang mit den Problemen im Wachleben des Träumers stehen. Wer träumt, bearbeitet zielgerichtet und allumfassend offene Fragestellungen, im Alltag nicht ohne weiteres zu klärende Konflikte, aber auch Sorgen, Nöte, Ängste, unbefriedigte Gelüste und Leidenschaften. Unsere Traumwelten sind ein Ergebnis aus dem komplexen Zusammenspiel zwischen den verschiedensten strukturellen und funktionalen Netzwerkeinheiten in unserem Gehirn, die während eines Traumes, insbesondere in der REM-Schlafphase, zwischen einer kohärenten und dissonanten Kommunikation hin- und herschalten. Kurzum: Unsere Träume sind das psychoemotionale Ergebnis unseres vorherigen Wahrnehmens, Denkens und Verknüpfens (in Form von freier Assoziation, Imagination und Fluktuation). Die Verwendung von Träumen in der Psychotherapie, aber auch im Neurocoaching, ist daher definitiv hilfreich und wirksam. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Auffassungen Jungs zum Träumen von der empirischen Forschung deutlich unterstützt werden, während Freuds Auffassung weitestgehend als widerlegt betrachtet werden muss.


Alpträume können unser Stresssystem beeinflussen

Aufgrund ihrer starken psychoemotionalen Komponente können Albträume unsere Schlaf- und Lebensqualität spürbar beeinflussen, im positiven wie negativem Sinne.

Achtung! Falls du innerhalb von drei Monaten wenigstens einmal pro Woche einen Albtraum hast, dann solltest du etwas unternehmen. Chronische Albträume sind häufig mit einer übersteigerten Reizbarkeit, einem unerwünschten Leistungsabfall, Konzentrationsstörungen oder negativer Stimmungslage verbunden. Zudem können auf Dauer weitere gesundheitliche Probleme wie Herzprobleme, Übergewicht oder psychische Erkrankungen wie Depressionen auftreten. Manche von uns entwickeln vor lauter Alpträumerei eine Angst vorm Schlafengehen. Gleichzeitig kann es zu inkorrekten, irrealen, verfälschten oder auch katastrophisierende Gedanken und Denkmustern kommen. All das kurbelt das Stress-System unnötigerweise an, ein Teufelskreis. Auf Angst vorm Schlafengehen folgt eine unzureichende Schlafqualität, daraus ergeben sich zunehmende Stresszustände während des Alltages aufgrund einer eingeschränkten Wachheit, was wiederum zu mehr Zeitdruck, Frustration, Problemen und ungelösten Aufgaben bis hin zu Konflikten führt. Um so mehr versucht das Gehirn, nachts im Traum Schwierigkeiten mit dem Partner, dem Team, Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef, finanzielle Sorgen usw. zu verarbeiten. Aufgrund der 90:10 Wahrnehmungsregel kommt es beim Träumen, also vorrangig in der REM-Schlafphase, zu einer Aufsummierung von vor allem Ungelöstem, Ärgerlichem, Angsteinflößendem. Im Ergebnis sucht sich das Gehirn einen Ausweg in Form eines Alptraums, der wiederum den Schlaf unterbricht und das Stress-System aktiviert. Und alles geht wieder von vorn los. Dieser Alptraum-Teufelskreis kann nur durch eine professionelle und multimodale Schlaf- und Traumanalyse und Traumdeutung durchbrochen werden. Dazu gehört u.a. die ausführliche Betrachtung (Selbstreflexion) der möglichen Ursachen der Alpträume, eine neuropsychologisch fundierte Traumdeutung. Darauf basierend kann dann für den Betroffenen ein individuelles Schlaf-Traum-Trainingsprogramm erstellt und umgesetzt werden.