"Lazy days over sea" - Von Gelüsten, Süchten & Koma | Ein Gehirn auf hoher See #5

Aktualisiert: 13. Dez 2021

14 Tage auf der MS Hamburg Richtung Buenos Aires - 12 Vorträge - komm mit an Bord!


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Lazy days over sea

Auf einer Kreuzfahrt werfen viele Passagiere für eine gewisse Zeit all ihre bisherigen Grundsätze über Bord. Vor allem auf See-Tagen, wenn es nicht so viel zu tun gibt und keine Landgänge möglich sind.


An solchen besonderen „Lazy Days over Sea” gestaltet sich der Tagesablauf für viele Passagiere wie folgt: Um 9 Uhr schreitet man zum Frühstück, danach gibt es ein leichtes Nickerchen am Pool, um dann wieder um 12 Uhr zum Mittagessen angenehm zu speisen. Ein anschließend erholsames Schläfchen zur Regeneration liefert erneute Kräfte für das vorzügliche 16 Uhr Kaffeetrinken, Kuchen und Cremetörtchen inklusive. Natürlich kann man ja nicht nur essen, also folgt ein gepflegter kleiner Spaziergang über das Sonnendeck, um sich dann in der Kabine für den 18:00 Uhr Aperitif in der Weinbar umzuziehen. Während der Drink des Tages die durstige Kehle umschmeichelt, wird sich bei leiser Pianomusik über den neuesten Klatsch und Tratsch des Tages ausgetauscht. Die wesentlichen Themen lauten: Was gibt es zum Abendessen? Wer hat heute was an und wie ist dies zu bewerten? Wer ist zu wem in die Kabine mitgegangen und wie lange? Was wurde auf hoher See bereits gesichtet oder auch nicht? Ist eventuell jemand vorzeitig über Bord gegangen? Und in welchen Verhältnissen lebt die Crew? Wird deren Kabinen auch jeden Tag gereinigt? Wenn ja, wer macht das dann eigentlich?


Wenn alle offenen Fragen weitestgehend beantwortet und besprochen wurden, dann geht es endlich zum 19 Uhr Dinner. Gottseidank ist die MS Hamburg ein wunderbar kleines Schiff, so dass es für alle nur eine Tischzeit gibt. Nach dem köstlichen 7-Gänge-Menü geht es wohlgelaunt zur Abendunterhaltung in die Lounge, wo es ab 21 Uhr eine kurzweilige Show anzuschauen und leckere Cocktails zu schlürfen gibt. Und wem es dann noch immer nicht reicht, der tanzt ab 22 Uhr auf dem Sonnendeck bei Disco-Fox (den können die meisten Deutschen noch recht gut) in den kommenden Tag hinein. Kurz vor dem zu Bett gehen wird sich allerdings noch mit einem kleinen Mitternachtssnack gestärkt, der direkt auf der Tanzfläche gereicht wird, falls gewünscht.


Kreuzfahrt-Stress

Was für ein Programm! Das muss ein Passagier erst einmal körperlich, mental und emotional durchhalten können. Wissbegierige und interessierte Damen und Herren besuchen neben all den genannten Ess-, Erholungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten auch noch jeden Tag mindestens zwei spannende Vorträge oder Workshops zu den verschiedensten Themen. So war meine 12-tägige Veranstaltungsreihe: „Ein Gehirn geht durch die Zeit. Warum wir in bestimmten Momenten so ticken, wie wir ticken.“ stets sehr gut besucht. So kompakt, informativ und unterhaltsam wurden die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften bisher auch keinem Reisegast präsentiert. So jedenfalls das einheitliche Feedback bezüglich meiner Arbeit an Bord.


Einige der Passagiere stehen sogar schon früh um 6:00 Uhr auf und besuchen das Fitnesstraining oder den Wassersport. Andere wiederum gehen zur Tanzstunde am Nachmittag, nehmen eine Stunde Personal Training in Anspruch, tauschen sich über Teesorten aus, schauen dem Chefkoch auf dem Pool Deck beim Kochen seines Lieblingsgerichts (Chicken Masala, er ist gebürtiger Inder) über die Schulter, oder lassen sich gepflegt vom Barkeeper bereits zum Nachmittag etwas köstliches kredenzen.

An See-Tagen, auf dieser Reise sind es insgesamt 12 See-Tage, kann es also keinem langweilig werden. Viele schaffen vor lauter Möglichkeiten und Abwechslungen nicht einmal ein Buch zu lesen, geschweige denn einen längeren Mittagsschlaf zu halten.


Unsere Verlangensareale -

Maschinerie der Leidenschaft und Lust, der Freude und des Genießens

Angesichts der vielfältigen Informations- und Unterhaltungsangebote wundert es mich nicht, dass so einige Passagiere ihre zu Lande gepflegten Grundsätze mit Abgabe des Passports an der Rezeption über Bord werfen. Dafür sind die Verführungen im Tages- und Abendprogramm einfach zu vielfältig und allgegenwärtig. Gehirntechnisch ist es nicht einfach, sich diesem Sog zu entziehen, geschweige diesem aus dem Weg zu gehen, zumal sich um einen herum nur das tiefe, kalte Meer befindet.