• Sven Sebastian

Die narzisstische Persönlichkeit Teil 1- Ein Überblick

Ich möchte mit dieser Reihe Menschen, die in ihrem Alltag mit narzisstischen Personen zu tun haben und sich fragen, wie sie sich diesen gegenüber am besten verhalten sollten, einen hilfreichen Leitfaden geben.


Inhalt

1. Grundlegende Erkenntnisse aus 10 Jahren Coaching-Erfahrung

2. Wo kommt der Begriff "Narzissmus" eigentlich her?

3. Wie erkenne ich im Alltag allgemein eine narzisstische Persönlichkeit?

4. 9 Charakterzüge einer narzisstischen Persönlichkeit

I Die Kunst des psychoemotionalen Jo-Jo-Spiels

II Die Kunst der provozierten Fehler

III Der Größenwahn und die Angst vor Kritik

IV Das Prinzip Unschuld und die "Vogel-Strauß-Mentalität"

V Die Charme-Falle

VI Der Führungs- und Nummer-1-Anspruch

VII Das unstillbare Verlangen nach Bewunderung

VIII Der Hang nach Wut, Aggression oder auch Niedergeschlagenheit

IX Die emotionale Leere und Depathie

5. Diagnostische Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung

6. Was sind die positiven Seiten einer narzisstischen Persönlichkeit?

7. Wie wird man ein Narzisst?

8. Gibt es das narzisstische Gehirn?

9. Wie unterscheidet sich der "weibliche" vom "männlichen" Narzissmus?

10. Ist der Narzissmus ein modernes gesellschaftliches Phänomen?


1. Grundlegende Erkenntnisse aus 10 Jahren Coaching-Erfahrung


Meine über 10-jährige Neurocoaching-Erfahrung mit Personen, die entweder unter Narzissten oder selbst unter narzisstischen Persönlichkeitseigenschaften leiden, haben mich zu den folgenden, grundlegenden Erkenntnissen geführt:


1. Menschen mit narzisstischen Charaktereigenschaften beherrschen die Kunst der psychoemotionalen Manipulation in reinster Form.

Nur wenige von uns sind dieser Ur-Gewalt der menschlichen Verführungskunst wirklich gewachsen.


2. Narzisstische Personen haben kein Interesse an der Gefühlswelt anderer. Es fehlt ihnen schlichtweg an emotionaler Empathie und Empfindung.


3. Manche Narzissten wissen um ihre emotionale Leere und Instabilität. Diese sind unter bestimmten Bedingungen therapieempfänglich. Aber auch höchst suizidgefährdet, wenn sie sich in ihrer psychoemotionalen Schwäche ertappt fühlen.


4. Die Mehrzahl an narzisstische Persönlichkeiten denkt: So, wie ich bin, ist es genau richtig. Daher ist der Narzisst therapieresistent.


5. Menschen mit narzisstischen Eigenschaften neigen auf der einen Seite immer zu Größenwahn, auf der anderen Seite aber auch gleichzeitig zu Aggression, Wut und Zerstörungslust. Genau diese explosive Mischung an Emotionalitäten macht es für andere schwierig und äußerst anstrengend, mit dieser Art von Mensch zusammenzuleben oder zusammenzuarbeiten.


6. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, um auf Dauer mit einem Narzissten leben oder arbeiten zu können: Entweder du profitierst von seinen Qualitäten und machst in seinem Windschatten Karriere. Oder du lernst dich selbst mittels seiner Angriffe besser kennen.

Manche einer von uns versucht, sich am Narzissten als Therapeut oder Coach abzuarbeiten. Oder sie gehen einen Machtkampf mit ihm ein.

Meine Erfahrung: All das ist zwecklos und kostet nur unnötige Energie und Lebenszeit.


Im Fall der Fälle kann ich dir als „Opfer“ nur eins raten: Nimm deine Beine in die Hand und renn, so schnell du kannst. Suche dir professionelle Unterstützung, um dich daraus zu befreien. Oder vereinbare gleich einen kostenfreien Kennlerntermin über www.svensebastian.de.


Einer der wesentlichen Widersprüche innerhalb einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur ist:

Innerlich fehlt es an einem gesunden und starken Selbstbewusstsein, dieses muss durch die Außenwelt immer wieder gestärkt, gefördert, entwickelt und vor Angriffen geschützt werden.


Nichts ist schlimmer für einen Narzissten, als wenn er sich in seiner Unvollkommenheit, Schwäche, ja, inneren Leere ertappt fühlt oder glaubt, eine andere Person könnte irgendwie darauf kommen.


Die narzisstische Persönlichkeit lebt daher immer in einer Habachtstellung, die äußerst stressig ist, was wiederum zu einem unstetigen und anstrengenden Alltagsleben führt. Daher bringe ich meinen Klienten mit narzisstischen Verhaltensformen zunächst einmal wirkungsvolle Techniken der Stressreduktion im Alltag bei. Erst danach taste ich mich an die Beweggründe für den bestehenden Narzissmus gemeinsam mit den Klienten heran.



2. Wo kommt der Begriff "Narzissmus" eigentlich her?


Das Wort Narzissmus entstammt der altgriechischen Sage vom schönen Jüngling Narkissos, der mit unstillbarer Liebe seinem eigenen Spiegelbild verfallen war und die Liebe der Nymphe Echo verschmähte, weil sie seiner Schönheit nicht gerecht wurde. Die Liebesgöttin Aphrodite bestrafte ihn dafür mit einer unstillbaren Selbstliebe.


Der Mythos endet damit, dass der seinem Spiegelbild Verfallene sich aus Schmerz über die Unerfüllbarkeit seiner Liebe mit einem Dolch das Leben nimmt. Dieser Mythos aus dem antiken Griechenland hat die moderne Vorstellung von Narzissmus als übersteigerte und damit nicht gerade sympathische, ja für alle Beteiligten äußerst stressige Selbstliebe geprägt. Wobei die alten Griechen dachten, dass ein wenig davon für einen Menschen gut sei.


Auch Sigmund Freud erklärte den Narzissmus zu einem eher gesunden Mechanismus der Selbsterhaltung.



3. Wie erkenne ich im Alltag allgemein eine narzisstische Persönlichkeit?


Eine narzisstische Persönlichkeit lässt sich anhand der folgenden wesentlichen Charaktere beschreiben:

  • Überheblichkeit,

  • Exhibitionismus,

  • Autorität,

  • Ausbeutung,

  • Einzigartigkeit,

  • Anspruchsdenken,

  • Eitelkeit.


Achtung! Ein in sich selbstverliebter Mensch, der vielleicht häufig großspurig auftritt, ist nicht automatisch psychotherapeutisch relevant erkrankt.


Eine sozial verträgliche, ausgewogene Ich-Bezogenheit oder auch Selbstfürsorge ist für jeden Menschen gesund und auch notwendig. Wir können in diesem Fall auch von einem gesunden Narzissmus oder von einer förderlichen Egozentrik sprechen.


Doch wenn „normale“, also durchschnittliche, sozial-kulturell, gesellschaftlich definierte und respektierte Persönlichkeitseigenschaften ein „krankhaftes“, zerstörerisches, menschenfeindliches, menschlich unerträgliches Ausmaß annehmen, ist jemand von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen.


Maßstäbe dafür sind unter anderem das Gefühl der Größe, Erfolgsfantasien, Neid oder das Ausnutzen anderer, wobei für eine positive Diagnose das Verhalten der Betroffenen dauerhaft von der Norm abweichen muss. Im Alltag ist daher zwischen Personen mit narzisstischen Charaktereigenschaften und Verhalten und Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu unterscheiden.




4. 9 Charakterzüge einer narzisstischen Persönlichkeit


Die folgenden 9 Punkte können dir ebenfalls sehr gut helfen, eine Person mit narzisstischen Verhalten und Charakter zu erkennen:


I Die Kunst des psychoemotionalen Jo-Jo-Spiels

Eine narzisstische Persönlichkeit beherrscht die Kunst der psycho-emotionalen Manipulation in reinster Form. Wenn du einmal im Bann eines Narzissten bist, dann wird er dich äußerst geschickt, wie ein Jo-Jo, von einem emotionalen Hoch zu einem emotionalen Tief katapultieren.


So lange, bis dir deine Sinne und dein Verstand verloren gehen und du ein Spielball, ein Jo-Jo, seiner emotionalen Extreme wirst.


Narzisstische Persönlichkeiten sind auf diesem Wege zu jedem Zeitpunkt in der Lage, ein ihr anvertrautes Projekt, Team, Unternehmen oder ihre eigene Beziehung auf die höchste Stufe des Olymps zu heben, oder in den tiefsten Abgrund der Hölle zu stürzen. Die narzisstische Persönlichkeit sieht sich dabei stets als die/der Göttliche oder Teuflische.


Warum ist der Narzisst zu solch einem stressigen Verhalten verdammt? Ganz einfach, nur im Rausch der Selbstverherrlichung und der Selbstzerstörung ist der Narzisst überlebensfähig. Je aufregender und risikovoller die emotionale Achterbahn ausfällt, um so stärker kann er sich selbst spüren und finden.


II Die Kunst der provozierten Fehler

Narzisstische Persönlichkeiten haben die Fähigkeit, Menschen so lange in die Ecke zu treiben, dass diese vor lauter psycho-emotionalen Druck am Ende wirklich Fehler machen. Sie provozieren bei anderen Menschen regelrecht Fehler, die sie dann wiederum für sich und ihre Ziele nutzen.


III Der Größenwahn und die Angst vor Kritik

Narzissten erzählen gerne und viel von sich, und zwar stets nur sehr positiv, denn sie halten sich selbst für grandios, sind dabei aber charmant und können dadurch andere Menschen mitreißen.


Auf der anderen Seite sind sie aber leicht kränkbar, denn auch sachliche Kritik verletzt sie zutiefst, worauf sie dann häufig aggressiv reagieren.


Sehr viel Wert legen sie auf ihre Außenwahrnehmung, sie wollen im Mittelpunkt stehen und bewundert werden, weshalb sie einerseits auch sehr leistungsbereit sind, andererseits aber nur wenig empathisch, denn andere Menschen sind für sie nur Mittel zum Zweck.


IV Das Prinzip Unschuld und die „Vogel-Strauß-Mentalität"

Narzissten beherrschen meisterhaft und exzellent die Techniken der emotionalen Erpressung. Sie wollen auf keinen Fall als Verlierer, Verlassene oder Schwächere dastehen. Deshalb geben sie gern anderen die Schuld. Dafür nehmen sie es sogar in Kauf, zu lügen und zu verleumden.


Sie wollen einfach immer ganz vorn mitspielen, führend sein, Gewinne für sich kassieren, aber keine Verantwortung für eigene Fehler übernehmen.


Narzissten zeigen eine ausgeprägte „Vogel Strauß“ Mentalität: Ich mache es richtig, die anderen liegen falsch. Zeichnet sich ein Erfolg ab, wird dieser für sich selbst in Anspruch genommen. Wenn es einmal nicht laufen will, dann entziehen sich narzisstische Persönlichkeiten schnell ihrer Pflicht mit den Sätzen:

„Das ist mir nicht bekannt. Daran war ich nicht beteiligt.“

„Das hat mir keiner gesagt. Da war ich außen vor.“

"Ich habe damit nichts zu tun! Lasst mich doch einfach in Ruhe."




V Die Charme-Falle

Narzissten sind von Natur aus äußerst charmant, herzlich, zugänglich und vertrauensvoll. Doch dieses Verhalten ist trügerisch und dient vorrangig dazu, die eigenen Interessen durchzusetzen, psychoemotionale Kontrolle über eine ihr zugeordnete Person zu gewinnen und diese je nach Bedarf zu nutzen.


Auf ihre zugewandt-angenehme Art und Weise kommt eine narzisstische Persönlichkeit an wertvolle Erfahrungen, Informationen, Gedanken und Ideen anderer Personen heran, die sie dann, äußerst geschickt, zu ihren umformt, um diese dann wieder, verallgemeinert und generalisiert, als die ihren zu verkaufen.


Wenn sie dann allerdings mal eine eigene Erfahrung macht, dann zählt diese immer mehr als die Erfahrungen von anderen. Das ist ein deutliches Anzeichen dafür, das ein Narzisst nur eins sieht und beachtet: sich selbst!


Wann immer auch möglich, versuchen narzisstische Persönlichkeiten zu anderen Menschen eine Verbindung aufzubauen. Auf diesem Wege erfahren sie alles, was sie benötigen, um die jeweilige Person emotional und mental an sich zu binden und für die eigenen Interessen zu benutzen. Wer einem Narzissten auf diesem Wege emotional „auf dem Leim geht“, kommt von diesem meistens nur noch mit Unterstützung von Außen wieder los.


VI Der Führungs- und Nummer-1-Anspruch

Wo die narzisstische Persönlichkeit ist, ist immer vorn. Die narzisstische Persönlichkeit ist von sich selbst absolut überzeugt. Das, was sie macht, denkt sie, macht sie gut. Denn sie ist sich immer sicher, dass dass sie das, was sie tut, auch kann.


VII Das unstillbare Verlangen nach Bewunderung

Der Narzissmus ist eine starke Selbstverliebtheit oder auch Eitelkeit. Narzissten sind ständig auf der Suche nach Bewunderung und haben gleichzeitig eine enorme Angst vor Kränkung, was sie oftmals unberechenbar in ihren Reaktionen macht.


Merkmale von Narzissten sind oft Gefühle besonderer Wichtigkeit, Überlegenheit, Einzigartigkeit oder gar Grandiosität, d. h., ein Narzisst fordert gegenüber anderen Menschen und Gruppen, Organisationen und Teams wieder und wieder Anerkennung und Bewunderung ein.


Das kann für alle Beteiligten äußerst stressig und anstrengend werden. Insbesondere dann, wenn es eigentlich nichts mehr zu loben und anzuerkennen gibt. In solchen Fällen kann es mit der Zeit zu der Ausbildung von Parallelwelten kommen. Offiziell wird geschmeichelt, gelobt und zu Munde gesprochen, inoffiziell jedoch kräftig am Stuhl des Narzissten gesägt.


VIII Der Hang nach Wut, Aggression oder auch Niedergeschlagenheit

Narzisstische Persönlichkeiten können mit Kritik oder ausbleibender Anerkennung schlecht umgehen und reagieren diesbezüglich oft unbeherrscht, teils auch mit starker Niedergeschlagenheit.


Fühlen sie sich in ihrer inneren Unsicherheit, Schwäche und emotionalen Leere von anderen ertappt, erwischt oder, im schlimmsten Fall, vorgeführt, dann werden Narzissten sehr schnell wütend, aggressiv, beleidigend und vorwurfsvoll.


Wenn das nicht hilft, die eigenen inneren, emotionalen „Schmerzen“ aufgrund der Kränkung und fehlenden Bewunderung zu überdecken, dann zieht der Narzisst sehr gern die Karte der Erschöpfung, Enttäuschung oder auch depressiven Verstimmung.


So versucht er, bei der anderen Person ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, oder zumindest ein wenig Mitleid, so dass diese dann wieder ihm Anerkennung und Bewunderung entgegenbringt. Und sich, im besten Falle, schlechter fühlt als der Narzisst selbst.


Achtung! Häufig versuchen Menschen, die mit einer narzisstischen Persönlichkeit zu tun haben, diese zu jedem erdenklichen Anlass besonders deutlich zu loben und zu wertschätzen. In der Hoffnung, das Frieden und Ruhe einkehren möge. Das ist ein Trugschluss. Je intensiver und lauter wir einen Narzissten aus der Durchschnittsmaße hervorheben, um so stärker wird dessen Verlangen nach Bewunderung sein.


IX Die emotionale Leere und Depathie

Die meisten Narzissten können sich nicht in ihre Mitmenschen hineinversetzen, deren Sichtweise verstehen und akzeptieren. Aufgrund ihrer eigenen emotionalen Leere und Unsensibilität verfügen sie über keine empathischen Empfindungen und Gefühle gegenüber anderen, ihnen anvertrauten Menschen.



5. Diagnostische Kriterien für die Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Achtung! Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nicht gleichzusetzen mit einem gesunden Egoismus (Selbstliebe, Selbstfürsorge) und einer subjektiv ausgeprägten Egozentrik (Ich-Bezogenheit, ohne dabei andere zu verletzen).


Für die psychotherapeutische Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung müssen die Patienten Folgendes aufweisen:

Ein anhaltendes Muster von Grandiosität, Bewunderung und mangelndem Mitgefühl.

Dieses Muster wird durch das Vorhandensein von mindestens fünf der folgenden Punkte gezeigt.


Ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung:

  • hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit,

  • übertreibt die eigenen Leistungen und Talente,

  • erwartet, ohne entsprechende Leistungen, als überlegen anerkannt zu werden,

  • ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, von Macht, Schönheit oder idealer Liebe,

  • glaubt von sich, einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen Personen oder Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können,

  • verlangt nach übermäßiger Bewunderung,

  • erwartet eine bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen,

  • ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch,

  • zieht Nutzen aus Anderen, um eigene Ziele zu erreichen,

  • zeigt einen Mangel an Empathie, ist also nicht fähig, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren,

  • ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf einen selbst,

  • zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Handlungen.




6. Was sind die positiven Seiten einer narzisstischen Persönlichkeit?


Die narzisstische Persönlichkeit hat auch seine positiven Seiten, denn die Selbstverliebtheit oder Selbstbewunderung kann auch dazu führen, dass narzisstische Menschen mental stark sind, sich weniger gestresst fühlen und weniger anfällig sind für Depressionen.


Narzissten sind oft Meister darin, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, sie sind meist sehr kontaktfreudig und beim Kennenlernen äußerst erfolgreich und werden von den anderen in einer Gruppe oft als natürliche Anführer wahrgenommen und auch akzeptiert, was dem Naturell des Narzissten natürlich entgegenkommt.


Viele Narzissten haben in ihren Karrieren Erfolg, was mit ihrer Kommunikationsstärke und Offenheit zu tun hat, aber auch mit der Durchsetzungskraft und Leistungsbereitschaft. Sie sind in ihrem Beruf sehr leistungsorientiert und manchmal auch kreativ, schreiben sich dann allerdings auch oft den Erfolg eines ganzen Teams nur sich selbst zu, was andere vor den Kopf stoßen kann. Denn Narzissten betonen ständig ihre Überlegenheit und beuten manchmal andere für ihren eigenen Erfolg aus.


Außerdem können Sie unheimlich charmant sein, in Liebesbeziehungen verstehen sie es den Partner zu "erobern" und es mangelt ihnen selten an Energie.




7. Wie wird man ein Narzisst?


In der Forschung wird angenommen, dass Narzissmus ein Ergebnis bereits früher Sozialisationserfahrungen ist. So haben Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur in ihrer frühkindlichen Entwicklung unzureichende Liebe und Anerkennung von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen erhalten. Sie leiden oft lebenslang darunter und geben ihre Reaktionen auf ihre Entbehrungen an andere weiter.


Die Ausprägung eines Selbstwertgefühls oder von narzisstischen Charaktereigenschaften und Denkweisen zeigen sich ungefähr im Alter von sieben Jahren. Erst dann haben Kinder ein allgemeines Urteil über sich selbst entwickelt. Sie beginnen zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung, sich mit Gleichaltrigen spielerisch zu vergleichen. Weiterhin denken sie ab diesem Alter erstmals darüber nach, welchen Eindruck sie bei anderen Menschen hinterlassen und wie sie, darauf basierend, von diesen dann bewertet und geliebt (oder nicht geliebt) werden.


Für die Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeit scheint also die mittlere und späte Kindheit die wichtigsten Phasen zu sein.


Eine weitere mögliche Ursache für eine narzisstische Störung können bestimmte elterliche Erziehungsmuster sein. Dazu zählt unter anderem eine übertrieben starke Bevorzugung in der Kindheit bzw. eine übermäßige Leistungsfokussierung durch die Eltern. Wenn Eltern ihrem Kind immer wieder vermitteln, dass es besser ist als andere oder mehr wert ist als seine Mitmenschen, dann wird das Kind diese Haltung übernehmen und eine unangemessene Anspruchshaltung entwickeln. All das spielt der Entwicklung von narzisstischen Eigenschaften zu.


Aber auch wenn Eltern sehr wenig auf ihr Kind eingehen und ihm nur dann Beachtung schenken, wenn es etwas Besonderes geleistet hat, z.B. sehr gute Noten in der Schule hat, kann dies zu einer übergroßen Leistungsorientierung führen. In diesen Fällen entsteht das Gefühl, selbst wenig Wert zu sein und nur durch auffallenden Leistungen oder zumindest das besondere Hervorheben der eigenen Erfolge Anerkennung zu erhalten.


Meine Klienten mit narzisstischen Zügen berichten mir immer wieder, dass sie vor allem als Kind oder Jugendliche permanent hohe, besondere Leistungen erbringen mussten, wobei es für ihre Bezugspersonen niemals ausreichend genug war. Gleichzeitig fehlte es aber auch an einer emotionalen Unterstützung, wenn es mal schwierig wurde. All das begünstigt natürlich die Ausprägung narzisstischer Eigenschaften.


Aber auch später kann eine starke Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt den Narzissmus befördern, wobei vor allem Anforderungen an Führungskräfte oft jenen Kriterien ähneln, die einen Narzissten ausmachen: von sich selbst übermäßig überzeugt zu sein, immer zu wissen, wo es lang geht, Krisen auszuhalten, auch bei Gegenwind seinen Weg weiter gehen.


Interessant ist, dass die klinische Praxis nicht unbedingt dasselbe unter Narzissmus versteht wie die psychologische Forschung. Folgt man den Publikationen und Äußerungen aus beiden Lagern, dann kann man unter Narzissmus zum einen eine frühe, andauernde und pathologische Entwicklungsstörung verstehen, zum anderen aber auch als ein Persönlichkeitsmerkmal definieren, das in der Bevölkerung normalverteilt ist. Letztere Sichtweise führt in der Konsequenz zu der Annahme, dass die meisten von uns bezüglich einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung irgendwo in der Mitte der Verteilung liegen. Extreme sind im Alltag eher selten anzutreffen.



8. Gibt es das "narzisstische Gehirn"?


Nach neueren Untersuchungen sehen im Gehirn von Narzissten spezielle Strukturen messbar anders aus, von denen einige mit der Steuerung von Empathie verbunden werden.


Als Sitz der Empathie gelten Netzwerke in der Großhirnrinde bzw. in der "Steuerungszentrale für Mitgefühl", der Inselrinde, im seitlichen Teil des Stirnlappens, etwa zwischen Auge und Ohr.


Auch beidseits in der unteren und mittleren Stirnwindung, dazu im rechten vorderen und linken mittleren Cingulum sowie im prä- und postzentralen Gyrus fand man bei Narzissten veränderte Strukturen.


Allerdings kann natürlich nicht festgestellt werden, ob diese Strukturen die Ursache oder die Folgen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind.


Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstruktur erlernen bei mir in der Praxis, die Funktionalität ihrer Inselrinde zu verbessern. Die Inselrinde ist bekanntermaßen die emotionale Seele unseres Selbst-Ichs. Nur eine „gesunde“ Selbstwahrnehmung, eine liebevolle und wohlwollende Selbstreflexion und Selbstentwicklung führt zu einem sozial verträglichen Sein im Hier und Jetzt. Das kann erlernt werden, Voraussetzung dafür: der Narzisst muss es aus sich heraus wirklich wollen.




9. Wie unterscheidet sich der "weibliche" vom "männlichen" Narzissmus?


Nach Untersuchungen zeigt sich der weibliche Narzissmus gegenüber dem männlichen verdeckter, denn er äußert sich in Perfektionismus, Leistungsdruck und einem extremen Schönheitsideal.


Während der männliche Narzissmus sich fast immer als grandios empfindet, also weit, weit weg ist von der Selbsterkenntnis über seine wahren Schwächen, schwanken Menschen mit einem weiblichen Narzissmus (das sind in der Mehrzahl Frauen) häufig in ihrem Selbstwert hin und her zwischen Überschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen.


Personen mit weiblichem Narzissmus wollen immer herausfinden, wie gut sie ankommen, d. h., wenn ihnen ein Auftritt gelingt, fühlen sie sich als die Tollsten, die Besten, die Schönsten. Sie glauben, dass sie nur gemocht werden, wenn sie etwas Besonderes sind, wobei die äußere Fassade ihnen extrem wichtig ist. Also Schönheit, Schlankheit, Jugendlichkeit, alles muss perfekt sein.


Dieses Gefühl kann jedoch schnell in Minderwertigkeit umschlagen, wenn sie nicht bestätigt werden oder sogar Kritik ernten. Aus all diesen Gründen wird weiblicher Narzissmus sehr häufig von Essstörungen begleitet. Der weibliche Narzissmus ist besonders stark durch eine Brüchigkeit der gesamten Persönlichkeitsstruktur geprägt!


Achtung! Auch Frauen können einen männlichen Narzissmus aufzeigen, so auch umgedreht. Weiblicher Narzissmus bedeutet: Diese Person ist sich seiner Schwächen und Störungen in der Persönlichkeitsstruktur sehr bewusst, was das ganze Alltagsleben aber um so schwieriger machen kann. Der männliche Narzissmus kennt demgegenüber keine Minderwertigkeitsgefühle oder Existenzfragen, er ist selbst blind und empfindungslos gegenüber seinen narzisstischen Störungen und Schwächen. Der Kern des männlich-offenen und weiblich-verdeckten Narzissmus ist im Prinzip immer der gleiche: Das Leben dreht sich nur um eine Person, um mich selbst! Dort, wo ich bin, ist vorn.


10. Ist der Narzissmus ein modernes gesellschaftliches Phänomen?


Unsere moderne individualistische Gesellschaft bietet eine optimale Grundlage für narzisstische Verhaltensweisen. Wenn du Erfolg haben willst, dann braucht es heutzutage gewisse narzisstische Eigenschaften.


Insbesondere der Celebrity-Kult und die selbstherrlichen Darstellungen in sozialen Netzwerken tragen nachweislich dazu bei, dass es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitseigenschaften gibt.


Auch die schnelle, oberflächliche Beurteilungskultur mittels Like und Dis-Like, der Druck, 24/7 zu performen, gut auszusehen, besonders zu sein, trägt zu einem Boom des Narzissmus bei.


Narzisstische Persönlichkeiten haben über soziale Medien sowie über die Möglichkeiten der virtuellen und digitalen Welten ebenfalls die Chance, sich raum-, zeit- und kulturübergreifenden der Masse zu präsentieren. Die Spielwiese für eine gezielte Selbstdarstellung ist verführerisch groß und unkontrollierbar geworden.


Allein das digitale Selfie, niemals ohne Filter aufgenommen, aber auch die Möglichkeit, schnell und einfach, wie nebenbei z.B. Instagram-Reels zu produzieren und zu posten, all diese Dinge scheinen aus meiner Sicht die wahren Symbole bzw. Werkzeuge des Narzissmus zu sein.


Meine Coachingerfahrungen mit narzisstischen Personen lassen vermuten, dass unsere Gesellschaft in ausgewiesenen Schlüsselpositionen der Kultur, Politik, Unterhaltung, Verwaltung, dem Gesundheitswesen und des Topmanagements zunehmend narzisstisch geprägt ist. Damit baut sich für den Einzelnen ein Selbstdarstellungsdruck auf, der in der Konsequenz dazu führt, dass Narzissten in ihrem Alltag in eine Scheinwelt Abtriften und immer mehr den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.


Ausgewiesene Narzissten benötigen in der Regel für ihren Seelenheil übrigens keine Karriere in den Medien, in der Politik oder in Unterhaltungsbranche. Narzisstische Persönlichkeiten finden allein durch ihr alltägliches Verhalten bereits ausreichende Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf sich zu ziehen und im Mittelpunkt zu stehen. Aber auch die Gesellschaft an sich, sei es Unternehmen, Verbände, Teams und Organisationen, bieten häufig narzisstischen Persönlichkeiten hervorragende Karrierechancen an, um deren verführerischen, motivierenden, emotionalen und kognitiven Stärken im eigenen Interesse zu nutzen.