Empathischer Stress - Wenn Mitfühlen krank macht

Empathische Menschen genießen in unserer Gesellschaft einen exzellenten Ruf. Denn nur wer mit anderen mitfühlen kann, der bringt auch die notwendige Motivation auf, um ihnen in der Not beizustehen.


Was ist Empathie?

Empathie meint, die Fähigkeit die Gedanken und Gefühle einer anderen Person (oder eines Tieres, eines fiktionalen Charakters usw.) verstehen und nachempfinden bzw. sich in jemand anderen „reinfühlen“ zu können.


Egal, wen ich in meinen Workshops frage, viele von uns halten Empathie für die Voraussetzung von Hilfsbereitschaft und Fairness schlechthin. Insbesondere im Gesundheitswesen oder in den Stadtverwaltungen, in denen ich als Brain Based Coach und Trainer tätig bin, findet sich diese allgemein verbreitete Sichtweise wieder, wenn es um die Befähigung von Mitarbeiter*innen geht.


Und? Wie denkst du persönlich darüber? Folgst du auch der „Empathie-Altruismus-Hypothese“ nach dem amerikanischen Sozialpsychologen Daniel Batson, die besagt, dass Menschen nur dann altruistisch, also uneigennützig handeln, wenn sie Empathie empfinden?

Wenn es uns andersherum an emotionaler Verbundenheit für bestimmte Menschen und Situationen fehlt, also an Mitgefühl, dann fühlen wir uns dem Schicksal des anderen nicht so eng verbunden. Auf diesem Wege kann Empathie auch zum Ausgrenzen von Menschen führen, die nicht zur eigenen, emotional miteinander verwobenen, Gruppe zählen.




Die Schattenseite der Empathie und egoistische "Empathen"

Meine praktische Tätigkeit als Brain Based Coach zeigt mir auch immer wieder aufs Neue: Ein zu stark ausgeprägtes, gedanklich nicht ausreichend hinterfragtes Mitfühlen für andere lässt so manche unter uns häufig unkluge Entscheidungen treffen. Ich bin immer wieder überrascht, wie lange Zeit es Klient*innen von mir in toxischen Beziehungen, Bindungen oder Arbeitsverhältnissen psycho-emotional aushalten, weil ihr eigenes Mitgefühl es ihnen nicht erlaubt, sich vom toxischen Partner, Vorgesetzten oder vermeintlichen Lebensfreund zu trennen.

Schlimmer noch: Einige von uns versuchen sich permanent vor allzu viel Empathie zu schützen oder die damit verbundenen negativen Gefühle so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Dieser Teufelskreis der Empathie zeigt sich für mich als Coach wie folgt:

Ich empfinde Mitleid und Mitgefühl mit anderen, was meinem altruistisch geprägten Wertekodex entspricht, halte die damit aufwallenden negativen Empfindungen und Gefühle in mir aber kaum aus, was mich - emotional Ich-bezogen, egoistisch, wie ich nun mal bin - im Alltag häufig zu einem für mich schädlichen Verhalten führt. Mit dem Ziel, so schnell wie möglich in meinen psycho-emotionalen angenehmen und ausgeglichenen Wohlfühlzustand zu kommen.


Ja, wir alle sind Meister*innen des blinden Aktionismus, vorauseilenden Gehorsams oder - das ist besonders dramatisch - bewussten „Wegsehens“, nur um negative Gefühle und Schmerzen aufgrund von zu viel Empathie zu vermeiden oder in ihrem Ausmaße abzuwehren und einzudämmen.


Das bedeutet im Klartext: hinter einer egoistischen Handlung steckt ironischerweise häufig eine aufkommende Empathie und umgekehrt! Manchmal handeln wir gerade deshalb moralisch fragwürdig und entgegen unserem Wertekodex, weil wir das Mitfühlenmüssen nicht ertragen wollen oder können.



Beispiele aus dem Alltag gefällig?

Eine junge Frau um die 34 Jahre lebt seit einigen Jahren mit einem ausgewiesenen Narzissten zusammen. Aus purem Mitgefühl ihm und seinem vermeintlichen biografischen „Schicksal“ gegenüber schafft sie es nicht, sich von ihm emotional zu lösen. Obwohl sie stark unter seinem narzisstischen Verhalten leidet. Verstärkend kommt hinzu, dass diese Frau mit einem wunderschönen, intelligenten Gehirn gesegnet ist, welches jedoch, was das zwischenmenschliche Zusammenleben betrifft, nach den folgenden Grundsätzen lebt:

Ich darf und will mit meinem Verhalten und meinen Entscheidungen keinen Menschen verletzen. Ich will selbst aber auch nicht Schmerz oder Leid ertragen.

Was für eine Quadratur des Kreises!

Aus Mitgefühl dem narzisstischen Verhalten ihres Lebenspartners gegenüber, ganz nach dem Motto: „Er kann ja auch nichts dafür, dass er so verletzend und beleidigend mir und anderen gegenüber ist.“ fühlt diese Frau tief in sich einen „Schmerz“, für den sie sich teilweise verantwortlich und schuldig fühlt. Diese negativen Empfindungen will sie aber, entsprechend ihrem Lebensmotto, so schnell wie möglich wieder loswerden, was sie immer wieder zu einer irrationalen Handlung führt. Ihr Verstand sagt, trenne dich von dem Mann, doch ihr emotionales System warnt: Wenn du das tust, bringst du Leid und Schmerz über diesen Menschen, was jedoch nicht deinem Lebensprinzip und Wertekodex entspricht.

Also entscheidet sich diese Frau immer wieder und wieder für diese toxische Beziehung, hinterfragt sich permanent selbst, quält sich mit Selbstzweifeln, setzt sich mit diesem schwierigen Menschen immer wieder auseinander. Ganz nach dem Prinzip Hoffnung: Irgendwann muss doch auch ein Narzisst einmal Einsichten gewinnen, die ihm helfen, sich zum Positiven zu ändern.

Was für eine Illusion.


Oder nehmen wir all die vielen empathischen Dienstleister im Gesundheits-, Sozial- und Verwaltungswesen! Dem Berufsrisiko „empathischer Stress“ sind Menschen in helfenden Berufen wie Ärzte, Therapeuten oder Sozialarbeiter besonders häufig ausgesetzt.

Wir verlangen von ihnen wie selbstverständlich, dass sie sich in kranke Leidgeplagte einfühlen und an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Meine aktuelle Trainertätigkeit in den verschiedensten Bereichen von Krankenhäusern und Verwaltungen zeigen mir immer wieder aufs Neue: Es ist eine Gefahr für das eigene Seelenheil, aber auch für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit, wenn man sich emotional allzu stark und unreflektiert mit dem Schicksal anderer Personen identifiziert. Damit leidet man nicht nur selbst zu sehr, was einem rationalen, lösungsorientierten Denken und Handeln im Notfall konträr gegenübersteht, ja, dieses oft sogar verhindert. Im schlimmsten Fall kann dieses grenzenlose Mitleiden letztendlich Gleichgültigkeit und Zynismus fördern, aber auch unfrei und manipulierbar machen.


Wenn Empathie Angst auslöst

Ja, es gibt sogar Fälle, die sich aus Angst vor zu viel schmerzhaftem Mitgefühl und Empathie etwas verwehren, was sie eigentlich so lieben. Meine Mutter zum Beispiel reist seit vielen Jahren nicht mehr nach Griechenland oder in die Türkei, obwohl sie die Kultur, die Menschen und die Natur dort äußerst mag. Aber allein der Gedanke an all die dort geschundenen Hunde und Katzen, die heimatlos auf der Straße „dahinvegetieren“, lässt sie zu Hause bleiben. Sie versucht damit für sich zu vermeiden, was auf der Reise durch diese Länder in ihr psycho-emotional schmerzhaft aufkommen könnte: Das Mitgefühl für jedes einzelne Tier. Um dieses negative Gefühl der Ohnmacht und Gewissheit, nicht (mehr) ausreichend helfen zu können, bereits emotional vorauseilend zu vermeiden, entscheidet sie sich also gegen etwas, was ihr im Grunde ihrer Seele äußerst gefällt: das Reisen in fremde Länder mit anderen Sitten und Einstellungen zum Leben.


Auf den Punkt gebracht:

  • Empathisches Mitgefühl ist nicht immer angenehm, sondern kann regelrecht weh tun und im Alltag zu falschen (Nicht-)Entscheidungen führen. Wir können uns ihm oft kaum verschließen, es überkommt uns einfach, es sei denn, wir schauen im wahrsten Sinne des Wortes weg.

  • Wir setzen unser Talent zum Einfühlen und Eindenken für unterschiedliche Zwecke ein, darunter nicht immer nur moralische.


Die zwei Seiten der Empathie: Kognitive und emotionale Empathie

Wie kommen wir aus einem auf Dauer krankmachenden Mitfühlen heraus, ohne dabei an wahrer, helfender und nützlicher Empathie zu verlieren? Um so anderen Personen motiviert, bereitwillig und der Situation und den Umständen entsprechend vernünftig beistehen zu können? Indem wir verstehen, dass es unterschiedliche Formen der Empathie gibt, die wir in eine gute Balance bringen sollten.

Das empathische Mitfühlen, die Empathie, lässt sich in zwei wesentliche Elemente aufteilen: in einen mehr kognitiven und in einen mehr emotionalen Teil.


Der kognitiv ausgerichtete Part der Empathie wird in der „Theory of mind“ erfasst und auch als Mentalisierung bezeichnet. Gemeint ist damit das Denken über das Denken anderer, etwa Schlussfolgerungen darüber, was ein Gegenüber weiß, beabsichtigt oder wie wir sein Verhalten vorhersagen oder beeinflussen können. Beim Mentalisieren ist vor allem der präfrontale Kortex beteiligt, aber auch der Übergangsbereich vom Schläfen- zum Scheitellappen. Empathisches Mitfühlen hingegen wird hauptsächlich von der Insula sowie vom vorderen singulären Cortex vermittelt. Die Insula lässt sich sehr gut trainieren, mehr darüber kannst du hier nachlesen.


Kognitive Empathie hilft uns, nicht in einen Zustand der Hilflosigkeit oder Angst zu verfallen. Wir versuchen die Perspektive der anderen Person einzunehmen und stellen uns quasi vor, wie es sein würde, diese Person zu sein oder diese Situation zu erleben. Indem wir eine gewisse emotionale Distanz bewahren, entgehen wir der Gefahr regelrecht mitzuleiden, wir bleiben handlungsfähig und schützen uns vor empathischem Stress.


Emotionale Empathie hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass wir Teil einer gemeinsamen emotionalen Erfahrung werden. Wenn wir zum Beispiel einen Freund weinen sehen und ebenfalls traurig werden. Bis zu einem gewissen Grad ist das gut, denn das lässt uns auf den Freund zugehen, ihn trösten, in den Arm nehmen und ihm helfen. Nimmt unsere eigene emotionale Reaktion allerdings einen zu großen Raum ein, bewirkt es das Gegenteil, wir fühlen nicht mehr mit unserem Gegenüber mit, sondern gehen ganz in den eigenen negativen Gefühlen auf. Auf Dauer schadet das unserem emotionalen Wohlbefinden und der Gesundheit. Und wie in den Fällen oben geschildert, versuchen wir uns am Ende vor genau diesen Gefühlen und Folgen zu schützen, wir vermeiden Situationen, in denen wir empathisch sein müssten oder werden zynisch, weil wir Angst haben uns wieder so schlecht fühlen zu müssen.


Deshalb ist es wichtig eine gute Balance zwischen der kognitiven und emotionalen Ebene zu wahren. Das ist natürlich leichter gesagt als getan und es hängt sehr vom eigenen Persönlichkeitstyp ab, denn die beiden Formen sind bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Doch schon allein, wenn du dir bewusst machst, dass es diese unterschiedlichen Formen gibt, kann es hilfreich sein und du kannst dich selbst besser beobachten.


Anstatt mit Empathie kann man seinen Nächsten übrigens auch mit liebevollem „Wohlwollen“ begegnen. Bei dieser - in der fernöstlichen Meditationspraxis verbreiteten - Haltung geht es darum, dem anderen Gutes zu wünschen und ihm beizustehen, ohne sich selbst mit ihm zu identifizieren. Besonders in helfenden Berufen, im sozialen oder medizinischen Bereich ist es wichtig, auf diese Grenze zu achten.