Vom Geschichtenerzählen und Zuhören - Ein Gehirn auf hoher See #4

Aktualisiert: 13. Dez 2021

14 Tage auf der MS Hamburg Richtung Buenos Aires - 12 Vorträge - komm mit an Bord!


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Auf so einer Kreuzfahrt erzählen sich die Passagiere sehr gern gegenseitig Geschichten aus ihrem Leben. Häufig sind es sehr bewegende und aufwühlende Erlebnisse, die auch noch nach vielen Jahrzehnten ihren Platz im Gedächtnis haben. Ich liebe es, die Biografien von anderen Mitreisenden zu erfahren. Auf einem kleinen, feinen Kreuzfahrtschiff wie der MS Hamburg (maximal 500 Passagiere) ist dafür auch genügend Zeit und Muße. Auf diesem Wege erlange ich einen immer tieferen Einblick in die emotional-kognitiven Höhen und Tiefen des menschlichen Gehirns. Dieses Wissen kann ich hervorragend für mein Neurocoaching nutzen, wenn es darum geht, anderen Menschen aus ihrer depressiven Verstimmung, Hilflosigkeit oder auch Erschöpfung und ihren Stressbelastungen zu helfen.




Während meiner aktuellen Fahrt über den Atlantik ist mir in diesem Zusammenhang etwas sehr Spannendes und Interessantes aufgefallen, was ich nicht für mich behalten will.


Von sich sorgenden Müttern (und Vätern)

Wenn es die Zeit erlaubt, dann erzählen mir Frauen häufig etwas über ihre Sorgen und Nöte mit der Familie. Vielen geht es dabei vor allem um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Nächsten, Freunde und Verwandte. Ihr Ziel ist es, stets neue Heilungsmethoden und Diagnosestellungen von professionellen Fachleuten zu erhalten, um diese dann erfolgreich an sich selbst und an allen anderen Familienmitgliedern auszuprobieren. Mir scheint, das weibliche Geschlecht ist eben häufig darauf bedacht, alle liebgewonnenen Menschen um sich herum gesund zu erhalten und glücklich zu machen. So weit, so gut.


Sich um die Familie Sorgen zu machen, das ist durchaus etwas sehr Wunderbares und Hilfreiches. Doch wenn sich dieses „sich für andere interessieren und kümmern“ mit einem ausgeprägtem „Sendungsbewusstsein“ und „Helfersyndrom“ verbindet, dann wird es meistens für alle Beteiligten schwierig. Die Sendungsbewusste stößt allzu häufig auf taube Ohren oder sogar direkte Ablehnung und Ausgrenzung. So manche Mütter wurden schon von ihren Töchtern und Söhnen, mitten im Predigen und Helfen, des Raumes verwiesen. Was natürlich persönlich verletzt, enttäuscht und zu einer Vermeidungsstrategie führt, die nicht wirklich hilfreich ist. („Das ist nun der Dank für all meine Mühen. Aber wenn man mich nicht will, dann melde ich mich eben auch nicht mehr.“) Ganz zu schweigen vom quälenden schlechten Gewissen, welches wiederum die Töchter und Söhne überkommt.


Damit es gar nicht erst so weit kommt, lautet mein Hinweis in Richtung überbesorgter und zum Teil übergriffiger Mütter und Väter wie folgt:

„Bevor du sendest, prüfe, ob der auserwählte Empfänger auch interessiert und aufnahmebereit für deine, sicher gut gemeinten, Hinweise ist. Wenn nicht, dann behalte dein Wissen und deine Erfahrungen erst einmal für dich selbst! Suche dir Gleichgesinnte, mit denen du dich über deine möglichen Lösungsansätze und Konzepte für eine bessere Welt unterhalten und austauschen kannst.“

Diese „Botschaft“ geht vor allem an liebevolle und wunderbare Eltern, von denen ich allzu oft den folgenden Satz höre (sehr gern mit einer leicht gequälten Stimme gesprochen): „Ich meine es doch nur gut mit den Kindern.“ oder „Ich mache mir doch nur Sorgen.“. Häufig ist es gut, die eigenen Sorgen für sich zu behalten. Denn diese müssen nicht identisch mit denen der Kinder, Freunde oder Verwandten wie Kollegen sein.

Wenn wir aber dann als Berater, Unterstützer, Zuhörer oder Begleiter wirklich gebraucht werden, dann sollten wir mit all unseren Erfahrungen, unserem Wissen und unserer Liebe zur Stelle sein. Dies „in Bereitschaft sein“ tut nicht nur uns selbst emotional und gesundheitlich gut, sondern auch allen anderen um uns herum.

Und noch ein Wort an all die geplagten Töchter. Auch sorgende Mütter hören einmal auf zu reden, weil ihnen der Atem ausgeht beim Sprechen. Bis dahin hört einfach hin, nicht zu, und erledigt parallel dringende Dinge, die euch wichtig sind.